KADER Kader 02

Bericht

Anime-Partys in NRW

Drinnen gefeiert, draußen angestarrt

In Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen mindestens fünf Partyreihen für Anime-Publikum, mit Hunderten Gästen pro Abend und einem eingetragenen Verein im Hintergrund. Ob das heißt, dass die Sache angekommen ist, beantworten die Leute, die sie machen, unterschiedlich.

Dunkler Clubraum mit Discokugel, Nebel im Scheinwerferlicht und einer Menge vor einer beleuchteten Leinwand.
Cos.Rave im Club PULS in Münster, 9. November 2025. Foto: Emirhan Azmaz

Kaskad fährt in Uniform zur Party. Er geht seit anderthalb Jahren auf Anime-Partys in NRW, meistens im Cosplay, und auf der Tanzfläche zahlt sich das aus. Die anderen Gäste finden es gut, die Fotografen auch, und man erkennt ihn leicht wieder.

Das Problem liegt davor und danach. Auf dem Hinweg und auf dem Rückweg wird er angeschaut und angesprochen, und nicht freundlich. Cosplay sei außerhalb der Popkultur-Sphäre bei vielen Menschen negativ besetzt, sagt er. Dieselbe Uniform, dieselbe Person, zwei Stunden Unterschied.

Zur ersten Anime-Party kam er im Frühjahr 2025 eher zufällig. Nach der CMC in Oberhausen hörte er von jemandem, dass abends noch eine REVERIE in Düsseldorf stattfinde, und fuhr aus Interesse hin. Seitdem war er dreimal dort und viermal auf der SakuraYakuza im Projekt 42 in Mönchengladbach.

Wer das in NRW macht

Wer in NRW auf eine Anime-Party will, hat die Wahl. Die REVERIE läuft im Tor 3 in Düsseldorf, der Akiba Club im Club MTV, die SakuraYakuza im Projekt 42 in Mönchengladbach. Dazu kommt der Cos.Rave, hinter dem die LOYG! Events GmbH steht und der im November 2025 im Club PULS in Münster stattfand. Dieselbe Firma veranstaltet unter dem Namen LYGO! Partys, zuletzt in Düsseldorf im Zakk. KAIZOKU veranstaltet unter anderem in der Kölner Live Music Hall und war zuletzt im Mai dieses Jahres in Köln.

Die Konstruktionen dahinter sind unterschiedlich. Hinter der SakuraYakuza steht ein eingetragener Verein, dem Angelo vorsitzt, sein Stellvertreter Arty hat die Reihe mit aufgebaut. KAIZOKU wird über die Dreamlight Labs GmbH abgewickelt und bezeichnet sich auf Instagram als größte Anime-Partyreihe Deutschlands.

Bei der SakuraYakuza begann die Planung etwa 2024, die erste Party lief 2025. Der erste J-RAVE fand in Düsseldorf statt, auf das Projekt 42 stieß der Verein später, weil er etwas in Mönchengladbach machen wollte. Der Aufbau des Ladens passe perfekt zu den Anforderungen, sagt Angelo, und Andreas und Meikel, die ihn führen, seien vom Konzept begeistert und unterstützten viele kleine Veranstalter.

Zwischen 200 und 500 Gäste kommen zu einer Ausgabe. Geplant ist derzeit eine Party pro Quartal, hauptsächlich in Mönchengladbach und Düsseldorf, dazu will der Verein über NRW hinaus expandieren.

Nach oben hin wird es größer. Kevin Lukas Sklorz ist selbstständiger Motion Designer und Kameramann, firmiert als 8Studio und arbeitet mit Anbu Studios, einem Team, das Anime-Musik macht und auf Partys und Conventions auftritt. Zu der Gruppe kam er über einen damaligen Kollegen, der ihn mit Anbu Monastir bekannt machte, noch bevor das erste Video online war. Daraus wurde eine enge Freundschaft, und Anbu Studios war der nächste Schritt. Ihr eigenes Konzert Anime Rap Revolution zog am 4. April dieses Jahres in Köln über 1200 Besucher.

Diese Zahl misst etwas anderes, und Kevin benennt den Unterschied selbst. Auf einer Convention sei der Auftritt eine begrenzte Zeitspanne im Programm. Bei einem eigenen Konzert drehe sich das ganze Wochenende darum.

Eine Party ist nicht die andere

Angelo widerspricht schon der Prämisse. Anime-Party und J-RAVE seien ein riesiger Unterschied, sagt er. Sein Verein bemühe sich, die J-RAVE-Szene zu vergrößern, und sei inzwischen die größte J-RAVE-Reihe in NRW.

Was er darunter versteht, beschreibt er als Mischung aus Underground und japanischer Musik, ein Konzept, das es in dieser Form vorher nicht gegeben habe. Als Vorbild nennt er den jährlichen J-RAVE auf der DoKomi. Den DJs gibt er kaum Vorgaben, der Spielraum sei riesig. Den Hauptteil machen Nightcore und die typischen Remixe aus dem 2010er-Bereich aus, dazu kommen härtere Sachen wie Hardcore, Uptempo, Frenchcore und Happy Hardcore. Den Abend teilt der Verein meistens auf: erst der ruhigere Teil, dann der härtere Underground-Stil.

Für Kaskad ist genau das der Unterschied zwischen einem guten und einem mittelmäßigen Abend. Musikalisch am besten findet er die SakuraYakuza, die eher in Richtung Rave gehe. Zur REVERIE gehe er inzwischen hauptsächlich zum Trinken, weil ihm die Auswahl nicht mehr passe. Jedes Mal Digimon, Sailor Moon oder Pokemon. Er liebe diese Serien, aber die Lieder ständig zu hören, nerve langsam. Bei den Getränkepreisen sieht er die REVERIE dafür vorn.

Ich war selbst auf zwei dieser Abende. Auf dem Cos.Rave in Münster lag der Schwerpunkt deutlich weniger auf den Opening-Klassikern und deutlich mehr auf der Rave-Seite, mit eigenen Kreationen der DJs. Es erinnerte an den J-RAVE auf der DoKomi, ohne ihn zu kopieren. Auf der SakuraYakuza dagegen liefen auch die Klassiker, die man von jeder üblichen Anime-Party kennt.

Darauf angesprochen, bleibt Angelo bei der Unterscheidung, räumt aber ein, dass sie weicher geworden ist. Musikalisch und zum Teil auch von der Stimmung her sei es weiterhin ein Unterschied, inzwischen seien aber viele Klassiker dabei. Und die Zielgruppe überschneide sich ohnehin stark.

Angekommen oder nicht

Kevin hält Anime-Partys für eine Nische. Anime selbst sei längst keine mehr, das zeige allein Netflix mit einer eigenen Kategorie und Millionen Zuschauern. Die Partys dazu seien noch nicht groß genug, Potenzial sieht er reichlich.

Angelo beantwortet die Frage gar nicht erst in dieser Form, weil er die Kategorie für falsch hält. Er misst sich am J-RAVE, nicht an der Anime-Party, und in dieser Rechnung sieht er seinen Verein vorn. Beide reden über dieselben Abende und kommen zu verschiedenen Ergebnissen, weil sie Verschiedenes messen. Gemessen an der Zahl der Leute, die Anime schauen, ist der Anteil derer, die deshalb in einen Club gehen, klein. Gemessen an einem Format, das es vor drei Jahren kaum gab, ist er groß.

Kaskad hält beide Antworten für unwichtig. Leuten die Sache zu erklären, findet er sinnlos. Wer sich dafür interessiere, schlüpfe von selbst in die Szene hinein, so sei es bei ihm auch gewesen. Manche Dinge könne man nicht erklären, man müsse sie erleben, sonst entstünden nur weitere Fragen und Missverständnisse.

Was Angelo dagegen stört, ist das Bild, das Außenstehende sich machen. Viele dächten immer noch, solche Partys unterschieden sich krass von anderen. Einzigartig seien sie natürlich, aber im Grunde seien alle da, um Spaß zu haben, gute Musik zu hören, sich zu unterhalten und einen entspannten Abend zu verbringen.

Drinnen

Wie viele im Kostüm kommen, hängt vom Format ab. Angelo nennt für die SakuraYakuza 80 bis 90 Prozent, die im Cosplay oder im Anime- und Rave-Style gekleidet seien. Bei meinem eigenen Besuch dort im April hätte ich eher 60 bis 70 Prozent geschätzt, auf dem Cos.Rave in Münster etwa die Hälfte. Darauf angesprochen, sagt Angelo, der Anteil schwanke von Abend zu Abend, meistens seien aber fast alle entsprechend angezogen.

Beim Publikum beschreibt er eine Öffnung. Anfangs kamen vor allem Leute aus der Partyszene und solche, die ohnehin gern auf Anime-Partys gehen. Inzwischen mischen sich mehrere Szenen, dazu viele aus der Con-Szene.

Was die Abende von einer gewöhnlichen Clubnacht unterscheidet, ist für die Beteiligten weniger die Musik als die Aufteilung des Raums. Die SakuraYakuza arbeitet mit mehreren Floors, einem Main, einer Karaoke und einem Außenbereich oder Pausenraum. Besonders der Convibe und die Atmosphäre kämen an, sagt Angelo. Bei meinem Besuch gab es daneben ein kleines Quiz, bei dem man Schlüsselanhänger von Anime-Figuren gewinnen konnte. Eng wurde es trotzdem, sobald sich die Leute auf dem Hauptfloor sammelten.

Auf der KAIZOKU in Köln war das anders gelöst. Der Außenbereich lag in der Mitte, direkt hinter dem Einlass. Links ging es in die Partyhalle, geradeaus zu den Essenstrucks, rechts zu den Toiletten. Man konnte also mitten in der Veranstaltung Luft holen und in Ruhe reden, ohne die Musik im Nacken.

Kevin beschreibt das Publikum als durchweg freundlich, weil alle die Gemeinsamkeit Anime teilen. Manche seien in einer Rolle, manche als sie selbst, und alle hätten Spaß. Lustige Momente gebe es auf jedem Event, wichtig sei ihm aber vor allem, dass am Ende alle zusammenstehen, quatschen und ihren Abend haben. Für ihn sind solche Abende grundsätzlich besser als eine gewöhnliche Clubnacht. Wer die Musik aus Openings und anderen Songs mit Anime-Bezug möge, finde hier eine Goldgrube.

Kaskad kennt den Effekt von innen. Auf den Partys seien meist dieselben Leute aus der Cosplay- und Anime-Szene, viele kennen sich untereinander. Allein hinzugehen ist für ihn kein Problem, weil er sicher jemanden trifft, den er kennt, und er geht davon aus, dass es fast allen so geht. Dadurch sei die Stimmung anders als in einem normalen Club. Die Leute seien entspannter, und wenn jemand zu viel getrunken habe oder kein Geld mehr, finde sich meistens jemand, der einspringt. Eine so vernetzte Szene kenne er sonst nicht.

Wer eingreift

Perfekt sei es deshalb nicht, sagt Kaskad. Es bleibe eine Party, und er habe mitbekommen, dass Cosplayerinnen und Cosplayer belästigt oder auf unangenehme Weise fotografiert wurden. Im Vergleich zu üblichen Partys sei das Publikum trotzdem deutlich sicherer und enger beieinander. In den vergangenen Monaten sei ihm nichts Vergleichbares mehr aufgefallen.

Eine Cosplayerin, die für diesen Beitrag anonym bleiben möchte, schildert einen Fall, der weniger dramatisch ist und trotzdem etwas zeigt. Sie lässt sich gern fotografieren, wenn sie sich darauf einstellen kann. Spontane Aufnahmen mag sie nicht, auch dann nicht, wenn sie vorher grundsätzlich zugestimmt hat. Einmal musste sie darum bitten, ein Foto zu löschen. Das lief freundlich ab, kostete sie aber Überwindung. Wer in so einem Moment nichts sagt, hat sein Bild weiterhin auf einem fremden Handy.

Wie Veranstalter damit umgehen, habe ich alle gefragt, die in diesem Text vorkommen. Geantwortet hat einer.

Bei der SakuraYakuza gab es nach Angelos Angaben bisher zwei Vorfälle, bei beiden habe das Sicherheits- und Clubpersonal direkt eingreifen können. Ansprechbar seien alle Mitglieder des Vereins, das Clubpersonal und die Security, auch Promoter und externes Personal seien informiert. Dazu laufe ein Awareness-Team mit, das herumgeht und proaktiv schaut, wie die Stimmung ist. Das sei dasselbe System, das viele andere Partys ebenfalls nutzen. Fotografiert wird bei jedem Event von Neocosart, der die Galerie des Vereins laufend erweitert.

Die REVERIE habe ich zweimal um eine Stellungnahme gebeten, einmal über Instagram und einmal per E-Mail über ihre offizielle Seite. Eine Antwort gab es nicht. KAIZOKU hat schriftliche Fragen aus Zeitgründen abgelehnt. Auch die LOYG! Events GmbH hat auf eine Anfrage nicht reagiert.

Hinter der Bühne

Von dem, was einen solchen Abend trägt, bekommen Gäste wenig mit. Bevor es losgeht, steht für Kevins Team vor allem Arbeit an. Es müsse viel passen, bis es endlich anfangen könne, und der Moment, in dem es dann losgeht, sei jedes Mal befreiend und schön zugleich. Abschalten könne das Team erst, wenn alles vorbei ist. Danach bleibe ein Abend voller Euphorie, Stress, Schweiß und neuer Bekanntschaften, den man am liebsten mit einem kalten Getränk ausklingen lasse.

Überrascht habe ihn in den drei bis vier Jahren, in denen er dabei ist, vor allem, welche Ausmaße die gemeinsame Leidenschaft für Anime annehmen kann. Es seien mehr Bekannte und mehr Fans geworden, der Umfang insgesamt habe sich stark verändert. Nur das Team sei gleich geblieben. Anbu Studios sei und bleibe Familie.

Weil er die Abende filmt, achtet er auf anderes als die Gäste. Visuell werde es dann gut, wenn Licht, Ton und Auftritt zusammenpassen und die Leute feiern. Alles andere komme von selbst. Die besten Aufnahmen seien die ungeplanten.

Der Rückweg

Kaskad geht nicht mehr so oft hin, wie er könnte. Zeit und Geld, einige Termine hat er verpasst. Verändert habe sich in den anderthalb Jahren wenig. Leute gehen hin, trinken, tanzen, manche kommen neu dazu und manche verschwinden wieder. Das Drama in der Cosplay-Community höre ohnehin nie auf und gehöre inzwischen zum Alltag, ob man es selbst mitbekomme oder direkt darin stecke.

Was bleibt, ist der Weg nach Hause. Drinnen ist die Uniform ein Grund, angesprochen zu werden. Draußen ist sie ein Grund, angestarrt zu werden. Wer wissen will, ob diese Abende in der Mitte angekommen sind, muss vielleicht weniger auf die Besucherzahlen schauen als auf die letzte halbe Stunde.

Zur Offenlegung: KAIZOKU hat eine Einladung zu einer kommenden Veranstaltung angeboten, die bislang nicht wahrgenommen wurde. Die SakuraYakuza hat für ihre nächste Veranstaltung einen Platz auf der Gästeliste angeboten, der bislang ebenfalls nicht wahrgenommen wurde. Die beschriebenen eigenen Besuche auf dem Cos.Rave in Münster, bei der SakuraYakuza in Mönchengladbach und bei KAIZOKU in Köln erfolgten als zahlender Gast, nicht als akkreditierter Berichterstatter. Bei der KAIZOKU in Köln war ich gemeinsam mit Kevin Lukas Sklorz vor Ort, der in diesem Beitrag zu Wort kommt.

Foto: Emirhan Azmaz. Hinweise oder Korrekturen an emirhan.azmaz@gmx.de